NachdenklichZeit – POW!

4. Juli 2010

Heute in Bayern: Volksentscheid über das Rauchverbot

Vorweg, wer sich näher informieren möchte, kann des beispielsweise auf der SZ-Themenseite tun. Ich begründe nur mein Abstimmungsverhalten.

Ich werde mit “Nein” stimmen und somit den Volksentscheid ablehenen. Wer es sich einfach machen will, dem sage ich gleich, dass ich Raucher bin und der wird auch nicht mehr kognitiv wahrnehmen, dass das keine vordergründige Rolle spielt. Ich habe es längst akzeptiert, dass ich in Bars, Restaurant, Cafés und Clubs, bzw. Discos zum Rauchen auf die Straße gehe. In Eckkneipen, sogenannte Boazn, verkehre ich nicht und ich kenne auch nur einen Club in München, wo akzeptierte Anarchie herrscht und trotz des bereits geltenden Nichtraucherschutzes noch geraucht wird. Dies der Behauptung der Iniatoren entgegenstellt, dass sich kaum eine Lokalität an die bestehenden Gesetze hält.

Ich werde deswegen mit “Nein” stimmen, weil ein komplettes Rauchverbot ohne Ausnahmen nicht meiner Interpretation der liberalitas bavariae, bzw. meinem Punkrock-Herzen, entgegensteht. Ich habe eine natürliche Abneigung gegen jede Form des Zwangs und der Bevormundung, von Ausgrenzung ganz zu schweigen. Bereits jetzt ist in Bayern Rauchen nur eigens ausgewiesenen, räumlich abgetrennten Nebenzimmern (auch in Clubs), in Einraumkneipen bis 75 m²-Fläche, die von außen als Raucherkneipe gekennzeichnet werden müssen und in Festzelten (die einzige Ausnahme für gekochtes Essen im Angebot). Es besteht somit für jedermann ausreichend Möglichkeit nur in denjenigen Lokalitäten zu verkehren, wo überhaupt nicht geraucht wird, da Nebenzimmer zumeist nur in alten bayerischen Wirtschaften zu finden sind – wo zum Teil auch nicht geraucht werden darf – und die innenarchitektur von Lokalen zumeist einen großen Raum aufweist. Man kann ja gerne den Ausnahmen die Auflage machen, entsprechende Abdunstanlagen zu installieren und dann sollte es auch mal gut sein für die Anti-Rauchfront.
Bei dieser Klientel ist zunehmend ein irrationales Verhalten zu konstatieren. Es nimmt zunehmend überhand, dass man auf offener Straße beim Rauchen demonstrativ angehustet, egal wie der Wind bläst und egal ob es an einer Hauptverkehrsstraße ist mit entsprechender Feinstaubbelastung. Ich kann die bösen Blicke der Münchner Glockenbachviertel-Mamis mit Kinderwagen nicht mehr zählen, obwohl ich stets meine Zigarette demonstrativ in die entferntere Hand nehme und diese dann auch seitlich wegstrecke. Ich sollte vielleicht das nächste Mal fragen, wieso sie ihre Kinder in der feinstaubbelasteten Innenstadt aufwachsen lassen und ihren Latte Macchiato in den hippen Cafés, mit Kinde und Kinderwagen schlürfen, obwohl zwei Meter entfernt ständig die Autos vorbeibrausen.

Manches erlebte Verhalten ist einfach maßlos übertrieben, ich kenne keine Raucher die anderen den Rauch ins Gesich pusten und man findet genug Lokale ohne jegliche Rauchbelastung. Warum kann man es nicht einfach so belassen und sich wichtigeren Themen zu wenden? Weil wir Raucher der Gesellschaft Geld kosten durch Krankheiten? Ach, es gibt so viele Studien, da kann jeder die für sich passende finden, das ist nicht zielführend. Abgesehen davon bin ich auch sicher, dass der Staat die Einnahmen aus der Tabaksteuer gerne nimmt und zu verwenden weiß. Vor ein paar Jahren kam ja auch ein Aufschlag hinzu, um den Kampf gegen den Terrorismus mitzufinanzieren. Vielleicht mache ich mir mal den Spaß und frage den nächsten Huster, ob er ein verkappter Bin Laden-Sympathisant ist. Spätestens dann, wenn ich das erste Mal als (potenzieller) Mörder beschimpft werde, weil ich öffentlich rauche und ich bin mir leider sicher, dass ich das irgendwann erleben werde.

Aber all das würde auch zu nichts führen und tut es auch nicht. Wem es schon nicht absurd genug ist, dass der Volksentscheid maßgeblich vorangetrieben wurde von einem optischen Hippie (remember “Legalize it”?), namens Sebastian Frankenberger, der Mitglied in einer ökologischen und konservativen Partei, namens ÖDP, ist, der mag einfach nochmal in sich gehen und sich fragen, ob er/sie wirklich unausweislich Passivrauch ausgesetzt ist und somit sein/ihr Leben ungebührlich eigeschränkt ist? Ich habe meine Zweifel und empfinde die geltende Lösung als für alle (!) Seiten tragbar und somit für einen guten Kompromiss (!) und in einer Demokratie geht es nicht ohne Kompromisse und Abwägungen aller Interessen. Sonst wäre die Ironie des Schicksals, dass das demokratische Instrumentarium eines Volksentscheids, für weniger Demokratie sorgt.

Noch ein Tipp: es gibt immer noch die Möglichkeit mit Menschen zu reden und höflich – bei empfundener Störung – darum zu bitten, die Zigarette auszumachen oder wegzuhalten.

What happened to communication?

Zum Schluss noch eine Botschaft an die selbsternannten party people, die froh sind, dass ihre Kleidung nicht mehr nach Rauch stinkt. Geht ihr wirklich zum Feiern mit dem Vorsatz die getragene Kleidung nicht zu waschen und ungewaschen nochmal anzuziehen? Auch wenn meine ganz wilden Jahre vorbei sind, Feiern sollte doch bitteschön etwa Ekzessives und Hedonistsches bleiben, wo man tanzt, schwitzt, sich auch Getränke auf der Kleidung ergießen, man sich auch mal auf dem Boden wälzend wiederfindet. Feiern ist doch keine Pfarrhausdisco.

Somit ist der Song des Tages, dieser Klassiker von Oasis:

2 Kommentare »

  1. [...] Problem sehe ich eher darin, wo die Grenzen beim Rauchverbot in Gaststätten gesetzt werden sollen. Wenn alle Kneipen plötzlich zu Raucherlokalen werden, ist das natürlich [...]

    Pingback von Rauchverbot in Gaststätten: In Bayern fand heute der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz statt | News — 4. Juli 2010 @ 18:16

  2. [...] jetzt immer zum Rauchen vor die Tür muss. Das musste ich schon jetzt fast ausschließlich und wie dargelegt ging es mir beim Thema Rauchen um einen Ausgleich aller (sic) Interessen, wie vor dem [...]

    Pingback von Teilvolksentscheide « NachdenklichZeit – POW! — 28. Juli 2010 @ 13:32


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